Über Hepatitis
Hepatitis-B-Koinfektion bei HIV-Infizierten
Durch die enormen Fortschritte in der Behandlung der HIV-Infektion erkranken und versterben in den entwickelten Ländern heute deutlich weniger Patienten an den direkten Folgen des humanen Immundefizienz-Virus (HIV) und AIDS. HIV-Infizierte leben länger und besser als bis vor zehn Jahren. Mit der längeren Lebenszeit wächst das Risiko, dass Folgen anderer chronischer Erkrankungen erlebt werden. So bekommt das Management von chronischen Begleiterkrankungen, welche sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten durch Beschwerden bemerkbar machen, eine zunehmende Bedeutung.
Insbesondere Leberkomplikationen sind bei den betroffenen Patienten ins Blickfeld gerückt. Neben dem möglichen toxischen Einfluss einer langjährigen Einnahme von HIV-Medikamenten spielen insbesondere Koinfektionen durch Hepatitisviren (Hepatitis B = HBV und Hepatitis C = HCV) eine große Rolle. Diese werden auch in den nächsten Jahren dazu führen, dass Lebererkrankungen bei HIV-Infizierten als Komplikation zunehmen. Bereits heute gehören in einigen Regionen Europas mit einer hohen Rate an Doppelinfizierten (HIV/HBV oder HIV/HCV) die Folgenerkrankungen von chronischer Virushepatitis (Leberzirrhose und Leberdekompensation sowie Leberkrebs) zu den führenden Todesursachen bei HIV-Infizierten.
In Deutschland leben derzeit etwa 59.000 mit HIV infizierte Personen. Sowohl das HI-Virus als auch das Hepatitis-B-Virus werden vorwiegend sexuell oder durch Blutkontakt übertragen, so dass häufig Doppelinfektionen mit beiden Erregern vorliegen. Bei etwa 60 % der HIV-infizierten Personen kann serologisch eine durchgemachte HBV-Infektion gefunden werden (Nachweis von HBc-Antikörpern).
Eine chronische Hepatitis B liegt bei etwa 5 bis 10 % der HIV-Infizierten vor (Nachweis von HBs-Antigen). Überproportional betroffen von dieser Doppelinfektion sind homosexuelle Männer und Migranten aus Endemiegebieten (Afrika, Asien). Bei HIV-Infizierten gehört die Untersuchung auf andere chronische Virusinfektionen wie Hepatitis B somit unbedingt zur Basisdiagnostik bei der Erstvorstellung.
Wenn es serologisch keinen Hinweis gibt, dass die HIV-Patienten schon einmal Kontakt mit einem Hepatitis-BVirus hatten (keine HBc Antikörper nachweisbar), sollte unbedingt eine Impfung durchgeführt werden. Da es sich bei der Hepatitis-B-Impfung um so genannte Totimpfstoffe (nicht vermehrungsfähige, künstlich nachgebaute Teile des HBV) handelt, kann diesevon alpha Interferonen zur Behandlung der chronischen Hepatitis B bei HIV-Infizierten.
Eine Option ist diese vergleichsweise nebenwirkungsreiche Therapieform allenfalls für Patienten mit HBeAg-positiver Hepatitis B, hoher entzündlicher Aktivität (hohe Leberwerte) und guter Abwehrlage - sofern keine Kontraindikationen gegen den Einsatz sprechen. Alternativ wird heute eine Behandlung mit der jüngst auch in Europa zugelassenen Substanz Entecavir empfohlen. Da diese keinerlei HIV-Wirkung hat, besteht somit keine Gefahr für eine Resistenzentwicklung des HI-Virus. Für Adefovir konnte dies zwar bisher in der zur Hepatitis-B Behandlung eingesetzten Tagesdosis von 10 mg nicht beobachtet werden, ein theoretisches Risiko jedoch ist nicht auszuschließen.
Für Patienten, die bereits Medikamente gegen HIV einnehmen oder aber auf Grund der sich verschlechternden Immunität damit beginnen sollten, wird eine HIV-Behandlung (HAART = hochaktive antiretrovirale Therapie, in der Regel bestehend aus der Kombination von drei HIV wirksamen Medikamenten) empfohlen, die zwei auch HBV-wirksame Substanzen einschließt. Zu dieser kombinierten Ersttherapie der HBV-Infektion liegen zwar noch keine Daten aus klinischen Studien vor, eine geringere Gefahr von Resistenzentwicklung wird jedoch angenommen.
Hier bietet sich an, Lamivudine oder Emtricitabine mit Tenofovir DF zu kombinieren. Es sei abschließend darauf hingewiesen, dass derzeit Emtricitabine sowie auch Tenofovir DF nur eine Zulassung für die Behandlung der HIV-Infektion haben. Eine spezielle "Leberdiät" ist für die betreffenden Patienten nicht nötig. Allerdings muss unterstrichen werden dass regelmäßiger Alkoholkonsum (schon tägliche Mengen von 20 Gramm und mehr) die Lebererkrankung deutlich verschlechtern können.